19 Stunden voller Einsatz: So verlief die Fernwärme-Havarie in Jena-Nord

Sie begann als unklarer Fernwärmedefekt, wurde zum Katastrophenfall und nahm glücklicherweise noch in der Nacht ein gutes Ende: Die Fernwärmehavarie in Jena-Nord. Für uns Stadtwerke war sie vor allem eins: ein personeller, technischer und organisatorischer Kraftakt. Ein persönlicher Rückblick.

Irgendwann konnte ich einfach nur noch staunen: Wie es im Flockenwirbel der Baustelle vor Männern und Baugerät nur so wuselte. Wie im Krisenstab der Stadtwerke ein siebenköpfiges Team alle verfügbaren Fäden zog, um herbeizuschaffen, wer und was auch nur irgendwie hilfreich sein konnte. Wie der städtische Krisenstab Feuerwehren und Technische Hilfswerke aus der ganzen Region aktivierte. Wie Notunterkünfte für hunderte Menschen vorbereitet wurden. Wie Bundeswehrsoldaten eine Nothilfe-Hotline besetzten. Wie eine Havarie-Homepage aus dem Boden gestampft wurde. Wie die Social Media-Kanäle von Facebook und Twitter von Hilfsangeboten der Jenaerinnen und Jenaer nur so überliefen… 

Spätestens da wurde mir bewusst: Genau in solchen Situationen zeigt sich die Stärke von uns Stadtwerken. Auf unsere (mehrheitlich) Jungs ist im Ernstfall zu 100% Verlass. Und wenn’s drauf ankommt, dann können wir soviel Manpower, Technik, Know-How und Partner herbeischaffen, wie es eben braucht, um auch die größte Störung zu beheben. Dass ich ein winzig kleines Rädchen in diesem gut geölten Getriebe sein darf, hat mich in diesem Moment sehr stolz gemacht.

Riesige Dampfwolke morgens um acht

Rückblende – Was war passiert? Gegen 8 Uhr an diesem Mittwochmorgen (10. Februar 2021) bemerken Anwohner an der Ecke Altenburger- /Naumburger Straße eine meterhohe Dampffontäne. Sofort aktiviert die Leitstelle den Entstördienst der Stadtwerke Jena Netze. Umgehend fahren drei Kollegen zur Havariestelle gegenüber vom Christlichen Gymnasium.

Dort dringt noch immer eine ansehnliche Dampfwolke aus dem Gehweg. Sie stammt offenbar aus einem Fernwärmeschacht direkt unter dem Pflaster. Das Problem: Genau in diesem Schacht befindet sich die Hauptabsperrvorrichtung für das Wohngebiet Altenburger-/Merseburger-/Camburger Straße. Und die Kollegen müssten genau dort hinunter, um dieses Nebennetz vom Hauptnetz zu trennen. Doch daran ist aktuell nicht zu denken.

Schnell ist dem Monteursteam klar: Um zu reparieren, muss die Hauptleitung vom Netz. Die nächste technische Möglichkeit dafür besteht am Emil-Höllein-Platz. Eiskalte Konsequenz: Alle Haushalte nördlich davon sind nun von der Wärmeversorgung aus dem Kraftwerk Winzerla abgeschnitten. Und das bei strengem Dauerfrost mit zweistelligen Minustemperaturen.

6.500 Haushalte ohne Heizung – bei zweistelligen Minusgraden

Besonders betroffen sind zunächst die Menschen zwischen Emil-Höllein-Platz und Stifterstraße. Mit dem Abschiebern der Leitung bleibt bei ihnen die Heizung kalt. In dem Viertel leben viele ältere Menschen. Um sie über die Havarie zu informieren, versenden wir Mitteilungen im Radio, in der Presse, auf der Homepage, in der App MeinJena und in Social Media. Halten Sie Fenster und Türen geschlossen, halten Sie die Wärme in Ihren Wohnungen: So lauten unsere Tipps der ersten Stunden.

Zunächst weniger betroffen sind das Wohngebiet Nord II sowie Löbstedt und Zwätzen. Sie werden mit Hilfe der Umformerstation an der Ecke Naumburger Straße / Schützenhofstraße zu einem eigenen kleinen Heiznetz verbunden. So kann die noch vorhandene Restwärme zunächst immer weiter umgewälzt werden. Und damit bleiben die Heizkörper noch eine Weile warm. Aber vom Wärmenachschub aus Winzerla sind auch diese Gebiete abgeschnitten. Und je länger der Ausfall dauert, um so kälter wird es auch in diesen Wohnungen. Ein wenig Wärmenachschub liefert aus dem Norden noch die Biogasanlage in Zwätzen. Doch die Heizkraft dieser kleinen Anlage reicht nur bis zum Bereich Flurweg.

Nur eine geplatzte Armatur: Diese Hoffnung stirbt gegen Mittag

Zu dieser Zeit quillt an der Baustelle noch immer heißer Dampf aus dem Kanal. Im Schacht gluckert weiter kochend heißes Wasser. Obwohl die eilig herangeschafften Pumpen auf Hochtouren arbeiten, ist an einen Reparaturversuch noch längst nicht zu denken. Schließlich kommt das Heizwasser aus dem Kraftwerk Winzerla mit einer Vorlauftemperatur von 130 Grad in Nord an. Um das Wasser trotzdem flüssig zu halten, stehen die Rohre unter hohem Druck. Nun entspannt sich dieses komprimierte Wasser. Und entsprechend lange dauert es, bis die abgetrennte Leitung leer ist.

Erst Stunden später läuft endlich kein Wasser mehr nach und können die Kollegen nach unten steigen. Doch im Schacht erwartet sie hüfthoch aufgetürmter Schlamm. Damit ist ein Vordringen zu den Anlagen weiter unmöglich. Zwar ist ein Saugbagger bereits geordert und unterwegs. Aber wegen der winterlichen Straßenverhältnisse kommt der erst gegen Mittag in Jena an. Allerdings ist den Kollegen schon zu diesem Zeitpunkt klar: Die Hoffnung, in dem Schachtbauwerk könnte nur eine Armatur geplatzt sein, erfüllt sich nicht. Das hier dauert länger.

Krisenstäbe der Stadtwerke und der Stadt werden einberufen

Zu diesem Zeitpunkt beruft Stadtwerke Jena Netze-Geschäftsführer Gunar Schmidt den Krisenstab ein. Wir Stadtwerke verfügen über ein ausgeklügeltes Krisenmanagement-System. Die dazugehörigen Vorschriften und Handlungsanweisungen füllen dicke Ordner. Alljährlich gibt es Großübungen, etwa zum Umgang mit Stromausfällen oder Gasmangel-Lagen. Eigentlich sorgen diese simulierten Katastrophen bei uns Kolleg*innen meist nur für augenrollendes Stöhnen. Aber jetzt, in der ersten „echten Krise“, erweisen sich die eingespielten Abläufe, die definierten Rollen und erprobten Methoden als wahrer Segen.

Sieben Männer und Frauen sind wir in der ersten Krisenstabsschicht ab 14:30 Uhr. Jeweils um 22 Uhr und um 7 Uhr kommen unsere Ablösungen. Rund um die Uhr sind nun Techniker*innen aller Sparten und auch die Kommunikation im Krisenzentrum im Stadtwerke-Haus vor Ort. Wen auch immer wir brauchen, ziehen wir uns aus allen Bereichen hinzu. Und die Bereitschaft mitzuwirken, ist riesig. Mehr als 60 Stadtwerker*innen sind auf der Baustelle und rund um die Havarie im Dauereinsatz. In eng getakteten Lagebesprechungen diskutieren wir Handlungsoptionen und mögliche Verläufe, kommunizieren neue Entwicklungen, verteilen Aufgaben.

Natürlich haben wir quasi eine Standleitung zu den Bauleitern Thomas Heintz und Michael Putzmann direkt vor Ort. Sie in jeglicher Form zu unterstützen, ist Schwerpunkt unserer Stabsarbeit. Außerdem geht es darum, Ersatzheizungsanlagen für die betroffenen Pflegeheime zu organisieren und zu installieren. Und natürlich steuern wir die Kommunikation nach außen. Parallel dazu hält Krisenstabsleiter Gunar Schmidt den Kontakt zum Krisenstab der Stadt.

Fieberhafte Suche nach der Fehlerstelle

Zurück auf der Baustelle. Dort hatte sich gegen 15 Uhr der Saugbagger endlich bis zum Grund des Schachtes vorgearbeitet. Ganze vier Kubikmeter Schlamm wurden dabei zutage gefördert. Die Schadstelle dort zu finden, hatte niemand mehr erwartet. Allerdings konnten die Kollegen die sogenannte Ortungsdose freilegen. Die ist für die Suche nach der Fehlerstelle enorm wichtig. Denn alle unsere Fernwärmeleitungen sind mit einem Leckortungssystem ausgestattet. Dafür sind die Rohre von kleinen Drähten durchzogen, über die man elektrische Impulse senden kann. Dort wo die Verbindung abreißt, muss die Schadstelle sein.

Einmal freigelegt und aktiviert, liefert uns das Ortungssystem vier mögliche Fehlerstellen. Schnell ist die erste Stelle, eine Leitung unter dem Gehweg direkt neben dem dampfenden Schacht, freigelegt. Doch leider ist dort kein Fehler festzustellen. Und leider sind die drei anderen Punkte deutlich schwieriger zu erreichen. Denn sie befinden sich jeweils unter der Straßendecke im Kreuzungsbereich Naumburger-/Altenburger-/Schützenhofstraße. Und liegen damit etwa 15 Meter von der Stelle entfernt, wo morgens der Dampf ausgetreten war.

Spätestens nun ist klar: In dieser Nacht können wir die Kunden nicht mehr zurück ans Netz bringen. Öffentlich rufen wir die Menschen dazu auf, persönliche „Kälte-Vorsorge“ in ihren Wohnungen zu treffen. Oder sich eine Bleibe bei Freunden und Familie zu suchen.

Ein Obdach für 13.000 Menschen? Stadt ruft Katastrophenfall aus

Für diesen Fall hatte sich inzwischen auch die Stadt in einem Krisenstab organisiert. Damit koordinierten nun Feuerwehr, Bundeswehr und THW Hilfsangebote für die betroffenen Menschen. Da wir Stadtwerke die Dauer der Störung nicht abschätzen konnten, richteten sich die Rettungskräfte auf den schlimmsten Fall ein. Das worst-case-Szenario lautete: Mehrere Tage ohne Wärmeversorgung bei zweistelligen Minustemperaturen. Notunterkünfte für 6.500 Familien. Ein warmes Obdach für 13.000 Menschen. Und das in Corona-Zeiten!

Umgehend orderte der Krisenstab der Stadt vorhandene Hotelbetten, aktivierte leer stehende Flüchtlingsunterkünfte und bereitete Schulen vor. Gegen 19 Uhr rief Oberbürgermeister Thomas Nitzsche den Katastrophenfall für Jena-Nord aus. Damit war der Weg auch für überregionale Unterstützung frei. Mehrere Feuerwehren und Technische Hilfswerke aus Thüringen und Sachsen-Anhalt unterstützten mit Männern und Gerät. 19:15 Uhr ging eine Hotline für Hilfesuchende an den Start. Derweil lieferte eine Havarieseite im Internet praktische Kälte-Tipps. Sogar die Corona-Beschränkungen wurden zeitweise aufgehoben.

Evakuierung abgewendet: Alle Seniorenheime ersatzversorgt

Gegen 20 Uhr können die Kollegen im Krisenstab der Stadtwerke einen Erfolg vermelden. Inzwischen waren alle sechs betroffenen Seniorenwohnanlagen mit Wärme versorgt. Für zwei Gebäude „reichte“ die Wärme aus der Biogasanlage Zwätzen aus. An zwei weiteren Heimen konnten die Kollegen mobile Heizzentralen installieren. Diese sogenannten „Hot Mobile“ sind quasi transportable Ölheizungen auf einem Autoanhänger. Eines davon haben wir selbst im Fuhrpark. Ein weiteres konnten wir unbürokratisch von den Stadtwerken Gotha leihen und nach Jena holen. Für zwei weitere Heime installierte die Feuerwehr eine provisorische Wärmeversorgung mit Hiezlüftern. Damit war uns eine der größten Lasten von den Schultern genommen. Die zeitweise diskutierte Evakuierung der betagten Bewohner*innen war nicht mehr notwendig.

Zur gleichen Zeit geben sich im Flockenwirbel unserer Baustelle gefühlt alle TV-Sender Deutschlands die Mikrofone in die Hand. „Katastropenfall in Jena: Minus 19 Grad und keine Heizung“: Auf dieses Pferd springen nahezu alle Stationen gerne auf. Kommunikationschef Stefan Dreising gibt Interviews nahezu im Akkord.

Davon unbeeindruckt fräsen derweil die Tiefbauexperten von Streicher großflächig den Asphalt der Naumburger Straße auf. Seit vielen Jahren bereits ist das Jenaer Bauunternehmen für uns als Havariebereitschaft im Einsatz. Diesmal sind sie mit einem zehnköpfigen Team vor Ort. Auch der Saugbagger kommt wieder zum Einsatz. So wird der Erdaushub für die meterlange Grube quasi im Handumdrehen bewältigt.

Endlich liegt die Leitung frei! Schnell weckt im Lichte der Baustellenbeleuchtung eine Schweißnaht an einem Rohrabzweig das Interesse der Stadtwerke-Experten. Doch erst eine Probefüllung mit heißem Wasser (das an besagter Stelle sofort wieder rausschießt) bringt gegen 22 Uhr Klarheit. Das Leck ist gefunden. Halleluja!

Leck gefunden – auf einmal geht alles ganz schnell

Auf diese Sensation folgt gleich die nächste. Der Riss an der Schweißnaht lässt sich ganz einfach wieder verschweißen. Ein Glück! Hinfällig sind damit alle im Krisenstab geschmiedeten Pläne, wie ein mögliches Loch zu flicken, ein kaputtes Rohrstück zu ersetzen, fehlendes Material heranzuschaffen oder T-Stücke zu verbinden wären. Egal! In diesem Falle arbeitet man doch gerne für die Tonne…

Nun geht plötzlich alles ganz schnell. Gegen Mitternacht ist die aufgerissene Schweißnaht wieder geschlossen. Streicher zieht ab und unsere Kollegen fahren das Netz wieder hoch. Klar, auch das dauert nochmal seine Zeit. Schließlich muss der Wärmeaustausch zwischen in der Leitung stehendem Kaltwasser und dem Heißwasser aus dem Kraftwerk sehr behutsam erfolgen. Doch jetzt geht nichts mehr schief. Gegen 3:15 Uhr melden die Kollegen dem Krisenstab Vollzug. Mission erfolgreich. Alles wiederversorgt.

Müde und dankbar am Morgen

Als Jena-Nord am Donnerstag erwacht, sollte es in allen Heizungen wohlig rauschen. Meine Dusche (ich wohne selbst in Nord) fällt gegen 5:30 Uhr zunächst noch etwas lau aus. Aber bis 8 Uhr läuft alles wieder. Als sei nix gewesen. Die noch offene Baugrube wird zwischenzeitlich zur Hauptattraktion im Wohngebiet. Meistfotografiert, meistbesprochen.

Als Stadtwerke-Mitarbeiterin in Nord unterwegs zu sein, ist an diesem Tag das reinste Vergnügen. Von allen Seiten schlagen mir (die ich am wenigsten beigetragen habe) Dankesworte, Komplimente und Grüße an die Bauhelden der Nacht entgegen. Eine Anerkennung, die ich – stellvertretend – sehr gern entgegen nehme. Bei mir mischt sie sich mit einem großen Gefühl der Dankbarkeit. Dafür, dass wir mit dem Glück des Tüchtigen und starken Partnern in dieser Nacht so glimpflich davongekommen sind.

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